Ich habe Sie gehört

Ich habe Sie gehört.

„Ich habe Sie gehört Frau Maier“ rufe ich ins Zimmer, als ich im Vorbeilaufen schnell die Klingel ausmache, um den Lärmpegel nicht noch weiter ins Unermessliche steigen zu lassen. „.. ich komme gleich.“ Ob sie den Nachsatz noch gehört hat weiß ich nicht – ich bin schon ein Zimmer weiter um dort nach dem ohrenbetäubend lauten Alarm des Dialysegerätes zu schauen.

Einen Knopf drücken – erst mal Ruhe – dann schauen, Problem beheben eine Sache von weniger als 30 Sekunden.

Herr Müller schaut mich an, spricht mit stummen Lippen verwaschene und nicht ablesbare Worte – wie immer wenn man im Zimmer ist. Seine Hände versuchen kraftlos und hilflos mit mir zu sprechen. Er regt sich auf – das Beatmungsgerät gibt Alarm, er atmet zu schnell. Auch hier verschafft ein Knopf vorübergehend Ruhe.

Ich versuche mich auf Herrn Müller zu konzentrieren, zu erahnen was er möchte. „Ganz langsam, Herr Müller – nur die wichtigsten Worte bitte!“

Die Heparinspritze ist gleich leer und Antibiose hat er doch auch. Noch während Herr Müller weiter unverständliches mit den Lippen formt schaue ich in der Kurve nach. Ja – die Antibiose muss ich vorbereiten. Zurück zu Herr Müller: „Haben Sie Schmerzen?“, ein vages Kopfschütteln. „Liegen Sie nicht gut?“ „Nein“.

Draußen klingelt es schon wieder und ein Kollege hat seine Alarmgrenzen nicht vernünftig eingestellt, das Beatmungsgerät seines Patienten alarmiert minütlich.

„Brauchen Sie etwas von mir?“ „Nein“.

„Einen Moment Herr Müller, ich hole gerade schnell Medikamente.“

Ich haste aus dem Zimmer – im Vorbeigehen mache ich die Klingel bei Frau Maier aus „Ich habe Sie gehört Frau Mayer.“

Als ich das Heparin vorbereitet habe, alarmiert das Dialysegerät schon mit Voralarm das herannahende Ende der Heparinspritze.

Bei Herr Huber ist ein roter Monitoralarm. Lebensgefahr! Ich haste ins Zimmer… er hat nur die EKG-Kabel abgemacht und wedelt damit – der Monitor zeigt eine vertrikuläre Tachycardie. Ein Knopfdruck und der Alarm ist aus. Von den Kollegen erscheint keiner. „Alles ist gut“ brülle ich trotzdem Richtung Tür. Hätte ja sein können, dass doch jemand helfen will, falls ich Hilfe brauche.

Ich winde Herrn Huber die Kabel aus der Hand und will die die Elektroden neu auf den Brustkorb kleben. In der Schublade sind nur noch zwei EKG-Kleber. Ich fluche und laufe ins Nachbarzimmer um dort einen zu holen. Und wieder zurück. Die Kollegin von der Vorschicht hatte keine Zeit aufzufüllen – vielleicht schaffe ich es irgendwann.

„Ich habe Sie gehört Frau Maier“. Den Umweg zu Klingel nehme ich nicht, die geht sowieso akustisch unter, denn das Dialysegerät ist vom Voralarm auf den Hauptalarm umgesprungen.

Herr Huber bekommt seine dritte Elektrode geklebt. Ich habe wieder ein EKG auf dem Montior. Als ich ihn wieder richtig zudecken will sehe ich, dass er Stuhlgang hatte – endlich nach 4 Tagen – leider schon im ganzen Bett verteilt. Ich denke ihn zu. Ich muss zu Herrn Müller.

Im Vorbeigehen mache ich die Klingel bei Frau Maier aus. „Ich habe Sie gehört Frau Maier! Ich muss nur noch schnell ein Medikament anhängen, dann bin ich für Sie da.“

Das Dialysegerät füllt den Raum mit Lärm. Herr Müller schaut mich an und formt mit den Lippen schnelle unverständliche Worte. Ich wechsle die Heparinspritze und halte kurz inne, was wollte ich noch? Ach ja, die Antibiose. Das Dialysegerät brüllt schon wieder. Achso ich habe vergessen wieder zu starten. Die Antibiose muss warten, ich muss zu Frau Maier. „Das ist ein Lärm hier, nicht wahr Herr Müller.“ Ein erleichtertes Kopfnicken und die Hände entspannen sich.

„So, da bin ich Frau Maier“.

Frau Maier hat Tränen in den Augen. Ich habe ein schlechtes Gewissen.

„Ich habe so Schmerzen!“.

„Sie bekommen sofort etwas – ich muss es nur schnell aufziehen“.

Frau Maier bekommt ein Medikament das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Es ist in einem speziellen Safe eingeschlossen, zu dem es nur einen Schlüssel gibt. Ich suche die Schichtleitung. Sie hat die Zimmer am anderen Ende der Station. Sie ist bei keinem ihrer Patienten. Während ich durch ihre Zimmer gehe, quittiere ich einen Alarm und stecke einen Sättigungssensor wieder auf einen Finger. Nebenbei sehe ich, dass das kreislaufstützende Medikament bei einem Patienten fast leer ist. Ich finde die Stationsleitung drei Zimmer weiter, sie hilft einer Kollegin beim Mobilisieren eines Patienten.

„Ich brauche den BTM-Schlüssel“ sage ich.

„In meiner rechten Tasche,“ sagt die schichtleitende Kollegin. Sie braucht beide Hände um den Oberkörper des an der Bettkante sitzenden Patienten zu stabilisieren.

Ich fische den Schlüssel aus der Tasche, „Du in Zimmer 134 ist das Arterenol gleich leer, hast du schon neues vorbereitet?“

„Oh nein! Hast du Zeit, kannst du das machen bitte?“

Ich habe keine Zeit. Frau Maier wartet auf ihr Schmerzmittel, Herr Huber muss dringend frisch gemacht werden, Herr Müller braucht seine Antibiotika.

„Ja, mach ich schnell, kein Thema!“

Ich hetze zurück in den Medikamentenraum. Zuerst das kreislaufstützende Medikament, Überleben geht vor Schmerzlinderung. Ich habe ein Schlechtes Gewissen, aber nur zwei Arme, zwei Beine und einen Kopf.

Ich schaffe es an diesem Tag Frau Maier noch ihr Schmerzmittel zu geben. Ich schaffe es sogar mich zwei Minuten zu ihr zu setzen und nicht gehetzt auszusehen, irgendwann später im Laufe der Schicht.

Ich finde eine Kollegin, dir mir hilft Herrn Huber zu waschen und frisch zu betten und ich schaffe es im Vorbeigehen die Elektroden aufzufüllen. Die Dialyse von Herrn Müller geht zu. Das ist schlecht für Herrn Müller, aber nachdem das Gerät abgebaut ist, ist ein Lärmproduzent weniger auf Station. Die nächste Schicht wird das Gerät neu aufbauen und anschließen.

Herr Müller hat auch seine Antibiose noch erhalten, etwa 2 Stunden später als er es sollte. Ich werde das an die Kollegen von der nächsten Schicht weitergeben, damit sie die nächste Gabe auch ein wenig herauszögern.

Ich hatte noch einen 4. Patienten und an diesem Nachmittag kamen insgesamt 8 Besucher zu meinen Patienten, denen die Tür geöffnet werden wollte, die Fragen hatten und Sorgen. Ich habe 5 mal den Arzt angesprochen, weil die Angehörigen ein Gespräch wünschten. Und bin fünf mal zurückgelaufen um den Angehörigen zu sagen, dass er gleich kommt.

Ich habe nach 6 Stunden das erste Mal einen Schluck aus meiner Wasserflasche getrunken, die ich mir extra auf den Tresen gestellt hatte. Nach 8 Stunden, zum Ende der Schicht werde ich das erste Mal auf Toilette gehen.

„Ich habe Sie gehört“ ist die Konzession an das System, das ein zeitnahe Betreuung und Bedürfnisbefriedigung von nicht überlebenswichtigen Bedürfnissen auf unbestimmte Zeit verschiebt. Auf einen Zeitpunkt in dem die Arbeitsverdichtung es nicht notwendig macht die Prioritäten ständig zu ändern.

„Ich habe Sie gehört“ ist ein Satz, den ich mir vor einiger Zeit angewöhnt habe, weil er ehrlich ist.

„Ich habe Sie gehört“ heißt, ich habe wahrgenommen, ich habe noch im Kopf, dass Sie etwas von mir möchten, ich bin gewillt ihnen zu helfen.“

„Ich habe Sie gehört“ heißt aber auch: Ich kann jetzt nicht kommen. Ich weiß auch noch nicht wann ich kommen kann.

Sollten Sie also mal auf Intensivstation liegen oder jemanden dort besuchen und diesen Satz hören,

dann wissen Sie, dass es noch dauern kann.

„Ich habe Sie gehört.“

Und wer hört mich? Uns?

© 2014

Ein Kommentar zu „Ich habe Sie gehört

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